Die Vorgeschichte
Im
Laufe des Jahres 2007 geisterten Meldungen durch die Presse, die
von einem elsässischen Single Malt Whisky berichten. Serge
„Whiskyfun“ Valentin von den Malt Maniacs hatte ihn
schon im Januar
2007 probiert und ihm immerhin 75 Punkte gegeben, wenn auch
die Beschreibung nur so halbwegs gut klang. Auf der Aquavitae
in Essen im November 2007 hatte ich dann am Stand von SCOMA eine
Flasche davon entdeckt und mir ein Sample abfüllen lassen,
das mir erstaunlich gut geschmeckt hat.
Hergestellt wird der Uberach Single Malt von der Distillerie
artisanale Bertrand in der 1100 Einwohner zählenden Ortschaft
Uberach im Elsass, kurz hinter Haguenau. Von Karlsruhe aus, wo
ich wohne, sind das gerade mal 80 km. Ein guter Grund, die Brennerei
zu besuchen.
Da mein Französisch nicht gerade das Beste ist, hatte ich
mich per E-Mail angemeldet und um einen Termin gebeten. Bereits
am nächsten Morgen erhielt ich einen Anruf des Marketingleiters
Jean Metzger, der zu meiner Erleichterung fließend Deutsch
spricht. Und schon am Tag darauf machte ich mich auf den Weg.
Die Destillerie
Die Ortschaft ist gut ausgeschildert und entsprechend leicht
zu finden. Politisch gehört sie zum
Val de Moder, einem Zusammenschluss mehrerer Ortschaften mit dem
Hauptort Pfaffenhofen. Die Brennerei ist ebenso leicht zu finden:
Es gibt im Wesentlichen eine Hauptstraße, an der ersten
großen Abzweigung rechts hoch und dann ist das Gebäude
kaum zu übersehen. Zugegeben, schottische Brennereien sehen
anders aus, es handelt sich in diesem Fall eher um einen Zweckbau.
Wichtig sind aber bekanntlich die inneren Werte. Die Distillerie
artisanale Bertrand besteht bereits seit 1874, was kaum Zweifel
an der langjährigen Erfahrung zulässt. Der Treppenaufgang
zum Büro ist denn auch mit einer Unmenge an Urkunden tapeziert,
die der Brennerei im Laufe der Jahre für ihre Erzeugnisse
verliehen wurden.
Gerade einmal sechs Angestellte, wovon drei für den eigentlichen
Brennbetrieb zuständig sind und der Rest das Büro betreibt,
stellen eine beeindruckende Vielfalt an Erzeugnissen her. Gebrannt
wird so ziemlich alles, neben den üblichen Obstbränden
auch exotischere Dinge wie Nougat- und Schokoladenlikör sowie
ein „Fleur de Bière“, ein sehr trinkbarer aromatisierter
Bierbrand.
Die Produktion
Damit
kommen wir auch zum eigentlichen Thema. Whisky ist prinzipiell
nichts anderes als gebranntes Bier ohne Hopfen. Die Maische für
den Whisky bezieht die Brennerei denn auch sinnigerweise von der
„Brasserie Uberach“, einer lokalen Mikrobrauerei,
die 200 Meter entfernt in einer ehemaligen Schuhfabrik eröffnet
wurde. In dem kleinen Raum befinden sich Braukessel und Abfüllanlage
direkt neben der Bar mit einigen Tischen. Dort entstehen neben
mehreren „normalen“ Biersorten auch traditionelle
aromatisierte Biere nach alten Rezepten. Das Malz dazu kommt von
Lieferanten aus Nordfrankreich bzw. Belgien, was ja ebenfalls
für aromatisierte Biere bekannt (manche sagen auch berüchtigt
...) ist.
Als Brennblasen dienen bei Bertrand (wie praktisch überall
außerhalb Schottlands und Irlands) keine traditionellen
Pot Stills, sondern so genannte Eau-de-vie-Stills, in diesem wie
auch in so vielen anderen Fällen von der Firma Holstein aus
Markdorf am Bodensee. In ihnen findet eine mehrfache Destillation
über Kupferplatten, eine sogenannte Kolonnendestillation
statt. Für die Whiskyproduktion, mit der 2003 begonnen wurde,
stehen dem Brennmeister Laurent Osswald dabei nur zwei Wochen
im Jahr zur Verfügung (im Januar und im August), den Rest
der Zeit wird das normale Sortiment gebrannt.
Die Lagerung
Der
fertige Brand lagert bei Bertrand in derzeit ca. 60 Fässern
auf einem Regal im angrenzenden Lagergebäude. Als Fässer
werden sowohl frische Eichenfässer aus dem Burgund verwendet
als auch Fässer, in denen vorher Banyuls,
ein südfranzösischer Süßwein, gereift war.
Abgefüllt wird derzeit nach drei Jahren, der gesetzlich notwendigen
Lagerzeit, pro Jahr ca. 5000 Flaschen. Ausgewählte Fässer
werden für eine spätere Abfüllung nach längerer
Lagerzeit zurückbehalten.
Die Abfüllungen
Derzeit gibt es zwei verschiedene Abfüllungen: Eine Cuveé
mit 42,2 %, die aus frischen Eichenfässern und Banyuls-Fässern
im Verhältnis 2:3 gemischt wird, sowie ein Single Cask mit
43,8 % aus jeweils einem Banyuls-Fass. Beim Kauf deshalb unbedingt
auf die aufgedruckte Fassnummer achten, jedes Fass schmeckt natürlich
ein wenig (oder auch viel) anders! Die Alkoholstärken wurden
in beiden Fällen rein geschmacklich gewählt. Beide Abfüllungen
werden außerdem nicht kühlgefiltert und enthalten entsprechend
viele Schwebstoffe.
Die Vermarktung
Nach der Besichtigung der Brennerei und einer ausgiebigen Probe
beider Abfüllungen blieb noch Zeit für ein längeres
Gespräch mit Jean Metzger. So stolz er auch auf den Whisky
ist (und auch sein kann, verglichen mit vielen deutschen Brennversuchen),
er ist durch die begrenzte Kapazität der Brennerei ein Neben-
und Nischenprodukt, das hauptsächlich regional vermarktet
wird. Für weitergehendes Marketing besteht kein Anlass –
wer sich dafür interessiert, kommt vorbei, so wie ich. Und
wer dann so freundlich empfangen wird, nimmt auch gerne eine Flasche
mit und darf (und sollte) ebenso gerne auch die anderen Erzeugnisse
probieren.
Die Tasting Notes
Apropos
probieren – Ihr wollt sicherlich noch wissen, wie der Uberach
denn nun schmeckt. Jean Metzger empfiehlt, ihn wegen seiner Jugend
eher etwas kühler zu trinken:
Uberach Single Malt, 42,2 %
Auge: Schöner tiefer Goldton, sehr ölig
Nase: Frisch, süß, weinig, leicht bitterer Unterton
Mund: Süß, alkoholisch scharf, wärmend
Hals: Süß, leicht maischig, etwas rauchig
mit viel Tannin
Fazit: Man schmeckt die Jugend,
aber nicht unangenehm
Uberach Single Cask, 43,8 % (Fass 116, Flasche 34)
Auge: Dunkler, rötlicher, weniger ölig
mit schönem Perlenrand
Nase: Voll, warm und süß, eingelegte Rosinen
Mund: Frisch und süß, prickelnd alkoholisch,
adstringierende Tannine
Hals: Deutlich rauchig wie ein ausgekohltes Fass, getrocknete
Rosinen, lang, warm
Fazit: Deutlich besser, irgendwo zwischen
Rum- und Portfinish
Jörg Bechtold