JB#01(0807)
Vom Forum zur Community


Die deutschsprachigen Länder sind dafür bekannt, dass die Vereinskultur in ihnen blüht. Wer ein Hobby hat, noch dazu ein eher außergewöhnliches, sucht den Kontakt zu Gleichgesinnten.Nun sind Whisky-Clubs aber eher dünn gesät und durch die vielen Messen entstehen außerdem schnell Kontakte zu weiter entfernt wohnenden Leuten, die sich in einem lokalen Club schlecht versammeln lassen.

Frei nach Robert Burns: „Whisky and Internet gang thegither“

Die Alternative im Zeitalter des Internet sind Foren. Neben dem wohl ersten und allgegenwärtigen Forum von Whisky.de gibt es inzwischen eine ganze Reihe davon, unter anderem das Scotswhisky.de-Forum in Deutschland sowie das thewhiskyforum.ch in der Schweiz.

Wenn man in diesen Foren aktiv ist und vielleicht dem einen oder der anderen schon mal auf einer Messe über den Weg gelaufen ist, entsteht bald der Wunsch, auch den Rest der verrückten Bande mal persönlich zu treffen und in trauter Runde dem gemeinsamen Genuss des schottischen Landweins zu frönen.

Lokale Treffen einzelner Mitglieder sind daher durchaus üblich. Eher ungewöhlich ist es allerdings, wenn sich gleich 30 deutschlandweit versprengte Gestalten auf den nicht ganz kurzen Weg in das wenig zentral gelegene, dafür um so schönere Städtchen Husum an Nordfrieslands sturmumtobter Nordseeküste machen.

Das Treffen

So geschehen am 19. Mai 2007, an dem das zweite offizielle Treffen des Scotswhisky.de-Forums in Husum stattfand. BILD war zwar nicht dabei, dafür habe ich mich auf den 771 km langen Weg in den Norden gemacht und das Treffen mit einem Urlaub im Norden verbunden, den ich vor fast 10 Jahren das letzte Mal gesehen hatte. Dabei hatte ich noch nicht mal die längste Anreise, ein Mitglied kam aus der Schweiz und einer aus Inzell in Bayerns letztem Winkel. Der Rest bunt verteilt aus dem Rest der Republik.

Der eher ungewöhnliche Tagungsort hat einen einfachen Grund: Einer der Admins des Forums, Albert Jänike, ist Besitzer des „Malt Whisky House“ namens Einstein, einem sehr netten Pub mit rund 250 offenen Whiskies in der Bar und einem angeschlossenen Online-Versandhandel, der unter Whisky24.net zu erreichen ist. Wenige 100 Meter entfernt gibt es außerdem ein nettes Hotel, das dank guter Kontakte zu Albert den Pilgern für die Tage Sonderkonditionen bot.

Das Treffen fand im Clubraum des Einstein statt, den wir gut ausgefüllt haben. Viele Teilnehmer waren schon am Vortag angereist, weshalb sich schon am Freitag rund 20 Leute eingefunden hatten. Der Abend zog sich entsprechend in die Länge und endete gegen 3 Uhr morgens.Neben der Küche des Einstein wurde dabei auch die Bar einem eingehenden Test unterzogen und beides für exzellent befunden.

Am Samstag ging es dann nach einem späten und ausgedehnten Frühstück um 13 Uhr gleich weiter mit einer Besichtigung der in Husum ansässigen Repower Systems AG, einem der großen Hersteller für Windkraftanlagen in Deutschland. Neben der Produktion wurde auch einer der vielen Windparks besichtigt, die seit Jahren an der Küste dafür sorgen, dass Deutschland zukünftig nicht von der Kernkraft abhängig bleibt. Whiskyfreunde sind eben für ihre offene Art bekannt und schauen auch gerne mal über den Glasrand hinaus.Da half es ungemein, dass unser beiden Führer gern gesehene Stammgäste bei den Whisky-Tastings im Einstein sind. Ab 18 Uhr ging es dann (nach einem reichhaltigen Essen) wieder im Einstein weiter mit dem eigentlichen Grund unseres Treffens: Single Malt Whisky. Das Line-up versprach viel und hat auch einiges gehalten:

Das Tasting

  1. Mortlach Cooper's Choice, 15 yo
    Zum „Vorglühen“ vor der Besichtigung gab es diesen sehr sherrylastigen Apperetiv mit Holznoten, nicht der schlechteste Anfang, wenn man es mag.
  2. Lakeland Single Malt, 3 yo
    Eine Spende des einzigen anwesenden Schweizers mit dem selben Problem wie alle „deutschsprachigen“ Brennversuche, einem störenden Maische-Geschmack im Endprodukt. Hell, leicht, jung und süß.
  3. Springbank 175th Anniversary, 12 yo, bottled 2003, 46%
    Ein völlig anderes Kaliber. Weinig-würzig, nussig, süß und voll. Mit Wasser viel blumiger. Aber: Es gibt bessere Springer ...
  4. Ardbeg 1977, 46%
    Erstaunlich leicht, Zitrusfrüchte, Schärfe und Rauch, aber kaum Torf. Trocken im Abgang. So ganz anders als heutige Ardbegs, am ehesten Richtung Airigh Nam Beist.
  5. Mortlach 1988/2006, Crosshill von Jack Wiebers, 1988/2006, Dark Sherry, 59,2%
    Dumpf-fruchtig, blumig, voll süß, im Abgang rauchig und leicht bitter. Toll!
  6. Miltonduff, Cadenhead 1990/2001, 60,4%, Bourbon Cask, 282 Bottles
    Stark stechend alkolholisch, Vanille, braucht viel Wasser. Das Barteam hatte die Reihenfolge durcheinander gebracht, hätte nach dem Springbank kommen sollen und wäre dort auch besser aufgehoben gewesen.
  7. Ardbeg, 1973/2000, Douglas Laing, 50%, 240 Bottles
    Fruchtig-torfig, mild, süß. Ich finde ihn relativ nichtssagend, bin aber allgemein kein Ardbeg-Fan. Aber auch diese Abfüllung ist was völlig anderes als heutige!
  8. Dallas Dhu, 23 years 1979&2002, 46%, MMD, Oak Cask, 600 Bottles
    Eine weitere Spende eines Mitglieds. Typischer, leicht-süßer Bourbon-Dhu, nach den kräftigen Vorgängern etwas fehl am Platz. Hätte mir besser was abfüllen sollen.
  9. Tomintoul Celtic Legends, 1967/2003, Rum Cask, 47%
    DAS ist was für mich! Süß, voll, malzig. Geht runter wie Öl und schmeckt nach mehr!
  10. Macallan Replica 1874, 46%
    Die Überraschung des Abends, ein Dark-Sherry-Hammer, bevor es diesen Ausdruck überhaupt gab. Vielleicht sollte sich Macallan doch lieber besinnen und die Fine-Oak-Abfüllungen ihren Marketing-Fachleuten zum saufen vorwerfen.
  11. Aultmore Scottish Castles, 1984/2004, Cask 1466, 120 Bottles
    Spätestens hier waren nicht nur meine Geschmacksnerven überfordert, die meisten Teilnehmer hatten ihn als gut in Erinnerung, konnten aber nichts genaueres dazu sagen. Mir ging es ähnlich, da meine Aufzeichnungen gegen Ende hin immer spärlicher wurden.

Das Fazit

Daher auch als erstes Fazit, dass eine derartige Anzahl von guten Abfüllungen eigentlich des Guten zuviel ist, wenn man anderen hinterher noch davon berichten will. Ein guter Mitschrieb hilft, dazu braucht es aber Disziplin. Ein solches Treffen dient ja in allererster Linie der Geselligkeit und der Kommunikation untereinander, da läßt man sich schon mal schleifen.ich hatte eigentlich auch genügend Sample-Fläschchen dabei, habe letztendlich aber nur einen abgefüllt – und das war ausgerechnet der Schweizer ...

Das Interessanteste war aber wieder einmal eine andere Beobachtung. Obwohl sich hier 30 sehr unterschiedliche Menschen versammelt hatten, haben sie sich prima verstanden. Es war niemand dabei, auf den ich das nächste Mal gerne verzichten möchte. Wir alle haben ein Hobby, das sehr ungewöhnlich ist und Menschen mit echtem Interesse und hohem Detailwissen vereint.Und genau das ist es, was uns den Schritt von einem einfachen Club oder Forum zu einer echten Gemeinschaft gehen läßt. Schon oft konnte man nach lokalen Treffen oder Messen beobachten, dass sich spontan einzelne Whiskyfreunde zusammenfinden und sich zukünftig auch ohne solche Anlässe in privater oder lokaler Umgebung treffen, Clubs gründen, oder selbst größere Treffen organisieren.Je länger man dabei ist, desto mehr entwickelt das Ganze eine Dynamik, die weit über die eingangs erwähnte, spießige „Vereinskultur“ hinausgeht. Wir wollen doch alle nur das eine: Single Malt Whisky bekannter machen, anderen näher bringen, neue Freunde für das Wasser des Lebens gewinnen.

Missionarische Grüße
Jörg Bechtold